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Völkerwanderungen I – von Kimbern und Teutonen

Was derzeit über Europa hereinbricht kann man umschreiben wie man will – es bleibt dennoch eine Völkerwanderung. Dieser Begriff für das massenhafte Auswandern von Völkern oder Volksgruppen aus ihren angestammten Heimatgebieten ist unideologisch. Er gab einer ganzen Geschichtsepoche zwischen Antike und Mittelalter seinen Namen: Völkerwanderungszeit. Erstmals Eingang in die Geschichtsforschung fand diese Bezeichnung Ende des 18. Jahrhunderts.

Völkerwanderungen gab es zu allen Zeiten der menschlichen Geschichte, sie sind ein Teil von ihr. In der heutigen Geschichtsforschung wird der Begriff Völkerwanderung jedoch teilweise zu ideologisieren begonnen. Dabei beginnt die Geschichtsforschung über den Begriff Volk zu philosophieren: Völkerwanderungen waren nie Wanderungen ganzer Völker und sind demnach begrifflich falsch, so einige Wissenschaftler. Welch eine Haarspalterei von überwiegend deutschen Geisteswissenschaftlern. Völker waren zu keiner Zeit heterogene Gemeinschaften und sind es auch heute nicht. Der Begriff „Volk“ hat so viele verschiedene Facetten, wie der Mensch an sich Individualität.

Der Mensch, dessen Stammesgeschichte heute noch mehr Fragen als Antworten liefert, ist viele Jahrtausende lang auf der Wanderschaft gewesen. Er war in Gruppen, die zumeist wohl verwandtschaftlich verbunden gewesen sind, auf der Suche nach Land, das Ernährungsgrundlagen bot. Diese änderten sich mit der neolithischen Revolution, mit dem erstmaligen Aufkommen von Ackerbau und Viehzucht und der damit einhergehenden Vorratshaltung. Die Menschen begannen sesshaft zu werden, jedoch wohl nicht über lange Zeiträume am selben Ort. Mit dem Beginn der Sesshaftigkeit begann der Kampf um die fruchtbarsten Böden, um Wasser und Wald und wohl bald auch schon um Erze. Mit dem kontinuierlichen Anwachsen der Weltbevölkerung wurde dieser Konkurrenzkampf stärker. Menschengruppen und Stämme zogen auf der Suche nach Lebensräumen über die Kontinente Afrika, Asien und Europa. Größere Wanderbewegungen setzten dann wohl mit dem Ende der letzten Eiszeit – vor etwa 15 000 Jahren – weltweit ein. Für diesen Zeitraum wird auch die Erstbesiedlung Amerikas vermutet.

Auch in Europa kam es in dieser Zeit zu größeren Wanderbewegungen, obwohl auch schon hunderttausende von Jahren zuvor – erstmals wohl vor 700 000 Jahren – Menschen in kleinen Gruppen Mitteleuropa besiedelten. Doch die einbrechende Kältewelle verhinderte eine weitere Ausbreitung. Erst in der Jungsteinzeit gab es dann in Mitteleuropa wieder neue Migrationswellen. Jedoch erst ab etwa der Mitte des 6. Jahrtausends v. Chr. setzte eine schnellere und weitgehend flächendeckende Neolithisierung (Verbreitung von Ackerbau und Viehzucht) ein. Diese Einwanderer kamen aus dem Nahen Osten, dem Mittelmeerraum und aus Südost-Europa. Es waren verschiedene Kulturträger, die wohl in größeren Gruppen oder Volksgemeinschaften auf der Suche nach neuem Lebensraum waren. Die Gründe dafür sind unklar und umstritten, es könnten jedoch z.B. Klimaveränderungen oder Naturkatastrophen gewesen sein. Die Wissenschaft teilt diese Kulturträger heute in archäologische Kulturen ein und benennt sie nach der Formgebung ihrer Keramik: z.B. Schnurkeramiker, Linienbandkeramiker, Trichterbecherkultur usw. Nur der Küstenraum von Nord- und Ostsee ist erst rund 2000 Jahre später vollständig neolithisiert worden.

Es folgte die Bronze- und die Eisenzeit, in der weitere Kulturträger nach Mitteleuropa einwanderten – insbesondere die Kelten – und andere Völker wohl teilweise verdrängten. Diese Vielschichtigkeit von Völkern und Kulturträgern begann sich zunehmend zu vermischen; auch gingen einzelne Volks- oder Stammesgruppen wohl in andern auf.

Aus diesen archäologischen Kulturen entwickelten sich dann die Germanen. So wird ein Stammesverband in Mitteleuropa und im südlichen Skandinavien bezeichnet, dessen Identität in der Forschung traditionell über die Sprache bestimmt wird. Die Herkunft des Names „Germanen“ ist weitgehend ungeklärt. Als ältester Beleg für das Wort „Germanen“ gilt das Verzeichnis „fasti triumphales „ zum Jahre 222 v. Chr. In dieser antiken Quelle wird der Sieg des Marcus Claudius Marcellus bei Clastidium „de Galleis et Germaneis“ genannt. Somit kann diese Bezeichnung wohl als eine Fremdbezeichnung der Römer/Mittelmeerkulturen angesehen werden, die damit das letzte barbarische Volk bezeichnet haben.

Die moderne Forschung hält jedoch nicht mehr an der Gleichsetzung von Germanen und Deutschen fest: eine überfällige und logische Feststellung. Bereits in den Stämmen der Germanen verschmolzen verschiedene Ethnien miteinander, was sich bei der Herausbildung des Volkes der Deutschen fortsetzte. Andererseits gingen germanische Bevölkerungsgruppen und Stämme auch in die Bildung nicht-deutscher Völker auf.

Reiseführer kostenlos anfordernVon den Völkerwanderungen der Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit haben wir einzig archäologische Belege. Die erste Völkerwanderung, die in Mitteleuropa ihren Ausgangspunkt hatte, war der Zug der Kimbern und Teutonen. Davon berichten uns die Römer in ihren antiken Quellen: Gemeinsam mit den Ambronen zogen diese beiden germanischen Stämme um das Jahr 120 v. Chr. aus ihrem Siedlungsgebiet im Norden Mitteleuropas nach Süden. Die wesentlichen Informationen über die Kimbern, Teutonen und Ambronen liefert uns der griechische Geschichtsschreiber Plutarch in der Biografie des Gaius Marius, einem römischen Feldherrn, der die militärischen Auseinandersetzungen  gegen die germanischen Stämme befehligte. Bezüglich der historiografischen Hinterlassenschaften der Römer, die Germanen betreffend, bin ich sehr skeptisch, was deren Wahrheitsgehalt und Wissensstand betrifft. Zudem muss beachtet werden: Die Geschichte schreiben immer die Sieger. Das trifft bei den Auseinandersetzungen zwischen Römern und Germanen zwar nur zum Teil zu, leider hatten die Germanen jedoch noch keine Schriftsprache um uns ihre Sicht zu überliefern.

Plutarch berichtet, dass die Kimbern, Teutonen und Ambronen 300 000 kampffähige Männer besaßen, was von der heutigen Historik jedoch angezweifelt wird. Demnach müsste der gesamte Tross der Germanen über eine Million Menschen stark gewesen sein. Es wird jedoch für das gesamte Gebiet zwischen Rhein und Elbe nur eine Bevölkerung von drei bis vier Millionen angenommen.

Wie dem auch sei: Wir kennen weder die Anzahl der, an dieser Völkerwanderung beteiligten Menschen, noch den Grund dafür, warum sie ihre Heimat verlassen haben. Die römischen Quellen geben an, dass die Germanenstämme auf der Suche nach neuem Siedlungsland waren – aber warum, darüber informieren sie uns nicht. Einige, jedoch nicht verlässliche Quellen, berichten von gewaltigen Sturmfluten, die die Nordgermanen veranlassten ihre Heimat zu verlassen.

Nachdem die Stämme von Jütland (Kimbrische Halbinsel) quer durch ganz Deutschland (Germanien) gezogen waren, kamen sie im Jahr 113 v. Chr. in der heutigen Steiermark an und trafen dort zum ersten Mal auf die Römer. Der römische Konsul Gnaeus Papirius Carbo ließ die Alpenpässe sperren, um die Germanen am Marsch in Richtung Rom zu hindern. Angeblich hatten die Germanen versprochen friedlich weiterzuziehen, sie wollten nur nach Siedlungsland suchen. Aber wo sollte es das noch geben? Fruchtbares Land war besiedelt! Und friedlich weiterziehen? Eine solche „Völkerwanderung“ war einem Kriegszug gleichzusetzen, denn die Menschen mussten sich versorgen, sie nahmen sich was sie brauchten. Dementsprechend mussten sie zwangsweise – zur Eigenversorgung – rauben und plündern, wobei es sicher zu Mord und Totschlag an der einheimischen Bevölkerung kam. Daher nochmals: Eine Völkerwanderung war ein Kriegszug, der letztendlich das Ziel hatte fremdes Land zu annektieren. Die Römer wussten um diese Konstellation und wollten die Germanen nicht in ihr Reich ziehen lassen. Sie stellten den Germanen eine Falle, indem sie ihnen einen Führer zur Seite stellten, der ihnen bei Ihrer Landsuche behilflich sein sollten. Dieser sollte einen längeren Umweg machen, damit sich die römischen Legionen inzwischen formieren konnten. Auf einer Rast bei Noreia (bisher unlokalisierter Ort) griffen sie die Germanen aus dem Hinterhalt mit zwei Legionen (12 000 Mann) an. Jedoch konnten die Germanen diese erste Schlacht gegen die Römer überlegen gewinnen.  Die Kimbern, Teutonen und Ambronen zogen bald über Böhmen, Schlesien, Mähren, den Donauraum, über Helvetien (Mittelschweiz) nach Gallien. Dort gerieten die drei Stämme im Jahr 109 v. Chr. nahe der italienischen Grenze erneut an die Römer und konnten auch diese Schlacht für sich erfolgreich gestalten, woraufhin sich die Tiguriner, ein helvetischer Stamm (wohl keltischer Abstammung) den Germanen anschloss. Auch die dritte Schlacht mit den Römern, im Jahr 107 v. Chr., konnten der germanische Wanderzug für sich entscheiden. Zuvor hatten sich noch der helvetische Stamm der Tougener sowie weitere germanischen und keltische Gruppen angeschlossen. Die Marschkolonnen waren dadurch so groß geworden, dass sie nicht gemeinsam durch die dichten südgallischen Wälder ziehen konnten und sich deshalb teilten. Ein Teil des Heereszuges wurde vom tigurinischen Stammesherzog Divico angeführt. Er führte es durch das Stammesgebiet des keltischen Nitiobrogen, entlang der Garonne in Richtung der Stadt Tolosa, wo er sich reiche Beute versprach. In dieser Region, nahe dem keltischen Oppidum am Ort des heutigen Agen, am Ufer der Garonne, gerieten die Römer in einen Hinterhalt des Divico.

Die Römer unter Führung von Gaius Popillius mussten schließlich unter demütigenden Bedingungen kapitulieren. Sie erhielten jedoch freien Abzug, mussten aber die Hälfte ihrer mitgeführten Habe zurücklassen, Geiseln stellen, sowie unter dem Spott der Sieger ohne Waffen und Rüstungen von dannen ziehen. Im Jahr 105 v. Chr. folgte ein weiterer Sieg, der mittlerweile vierte, gegen Quintus Servilius Caepio in der Nähe von Arausio (Orange). Die germanischen Stämme zogen daraufhin längere Zeit über die gesamte Iberische Halbinsel, bis sie wieder in Ostrichtung gegen Italien abschwenkten. Der Grund dafür ist nicht bekannt, jedoch trennten sich auf diesem Marsch die Teutonen und Ambronen von den Kimbern. Erstere zogen von Westen, letztere von Norden in Richtung Italien. Diese Trennung sollte das Schicksal der Stämme besiegeln. Die Teutonen und die Ambronen verbreiteten zunächst in Gallien Angst und Schrecken und hinterließen Schneisen der Verwüstung, bis sie im Jahr 102 v. Chr. von den Legionen des Gaius Marius im Süden Gallien gestellt wurden. Es kam zur Schlacht von Aquae Sextiae, dem heutigen Aix-en-Provence, wo die Germanen vernichtend geschlagen wurden.

Die Kimbern hingegen setzten ihre Wanderung nach Oberitalien fort. In der fruchtbaren Poebene wollten sie sich ansiedeln und erbaten dafür die Erlaubnis Roms. Der Römische Senat hatte jedoch kein Interesse an den aufsässigen Germanen. So kam es am 30. Juli 101 v. Chr. zu der Schlacht von Vercellae, südlich dem heutigen Vercelli im Piemont, in der die Kimbern von den Truppen des Marius und des Quintus Lutatius Catulus, in einer offenen Feldschlacht vernichtend geschlagen wurden.

Nach diesen beiden vernichtenden Niederlagen der germanischen Stämme verlieren sich ihre Spuren in den Geschichtsquellen. Zwischen 120 und 101 v. Chr. sind die Kimbern, Teutonen und Ambronen durch fast ganz Europa gezogen. Die 20jährige Völkerwanderung – die Zeit einer ganzen Generation – dieser germanischen Stämme wird in der Antike durchweg als barbarischer Raubzug beschrieben. Die moderne Forschung betrachtet diese Aussage teilweise etwas kritisch – sie sieht darin eher eine Migrationsbewegung der Stämme auf der Suche nach Siedlungsland. Das ist jedoch eine Verklärung der Tatsachen, denn die Germanen zogen über zwei Jahrzehnte plündernd und raubend durch Europa. Wortspielereinen wie, es waren keine Völker, sondern nur Stämme, versuchen die Tatsache zu verklären, dass es dennoch sehr große Menschenmassen waren, die sich mit Waffengewalt nahmen, was sie zum Leben brauchten. Auch die betroffenen Menschen, auf dem Weg dieses Zuges, haben die Germanen sicher als Räuber und nicht als Migranten gesehen. Es ist demnach immer eine Frage der Sichtweise!

Die antiken Beschreibungen – Zeitzeugenberichte existieren nicht – der Kimbern und Teutonen, prägten sowohl das antike wie auch das moderne klischeehaftere Bild vom blonden, starken, großen, tapferen und wilden Germanen. Die Kimbern- und Teutonenkriege waren der Anfang einer über einhundert Jahre andauernden kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Römern und Germanen. Die vier verlorenen Schlachten der Römer gegen die Germanen waren Ursache für eine römische Strategieanpassung, die unter Julius Caesar ihren Anfang nahm: Die Unterwerfung der germanischen Stämme und die Schaffung neuer römischer Provinzen in Germanien. Dazu mehr unter Völkerwanderung II – Langobarden.




Verwandtschaft aus der Bronzezeit

HEZ MaB - M3 + Manfred Huchthausen - Nachfahre von M1 - frontal quer - Foto Günter Jentsch 300dpi - Bildrechte HEZ
HEZ MaB – M3 + Manfred Huchthausen – Nachfahre von M1 – frontal quer – Foto Günter Jentsch 300dpi – Bildrechte HEZ

Eines hat jeder Mensch – Verwandtschaft. Fast jeden Menschen interessiert seine Familie. Viele interessieren sich für Genealogie und können stolz auf einen Stammbaum von ein paar hundert Jahren verweisen. Nach wie vor ist jedoch die Stammesgeschichte des Menschen nicht klar, sie ist heute wohl umstrittener denn je.

Wer kann da schon 3.000 Jahre alte Ahnen vorweisen, Ahnen aus der Bronzezeit? Sicherlich keiner werden Sie jetzt wohl denken. Schriftliche Aufzeichnungen gibt es im sogenannten germanischen Kulturraum erst seit der Völkerwanderungszeit bzw. dem Frühmittelalter. Als ältestes schriftliches Zeugnis einer germanischen Schriftsprache wird die Wulfilabibel angesehen, und die stammt aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. Und dennoch, es gibt zwei Männer, die können auf eine 3.000jährige Abstammung verweisen und diese Männer stammen aus dem Harz, aus dem Raum Osterode.

Alles begann 1972 mit der neuzeitlichen Entdeckung einer Höhle im Vorharzer Höhenzug Lichtenstein, gelegen bei Osterode am Harz, zwischen Förste und Dorste. Die Höhle wurde bald darauf verschlossen und zum Naturdenkmal erklärt. Anfang 1980  begannen fünf Harzer Höhlenforscher die Höhle weiter zu erkunden. Sie stießen auf eine Gesteinsspalte die unzugänglich erschien und erweiterten diese. Als sie weiter vordrangen, entdeckten sie einen neuen, unbekannten Höhlenteil, der sich in fünf miteinander verbundene Höhlenkammern von insgesamt 40qm darstellte. Dort machten die Fünf eine aufsehenerregende Entdeckung: Die Höhlenkammern waren übersät von tausenden menschlichen und tierischen Knochen sowie Bronzegegenständen und Keramik.

Dieser Fund stellte eine wissenschaftliche Sensation für die archäologische Forschung dar. Die oberflächennahen Funde waren infolge des Höhlenklimas von einer dicken Schicht Gipssinter bedeckt, die wie eine Konservierungsschicht wirkte. Außergewöhnlich war auch, dass dieser Fundort über 2 500 Jahren ungestört blieb. Auch war in den Kulturen jener Zeit die Brandbestattung der übliche Ritus, Körpergräber wie in diesem Fall sind hingegen die Ausnahme.Reiseführer kostenlos anfordern!Die Archäologie war zwar anfangs euphorisch, bis auf einige Skizzierungen und Notbergungen tat sich jedoch in den folgenden Jahren wenig. Es waren wohl die technischen Schwierigkeiten der Bergung in einer engen Höhle, die der Behörde Schwierigkeiten bereitete.

1992 brachen Raubgräber dann gewaltsam in die Höhle ein und nahmen einige Fundstücke mit, die sie jedoch später zurückgaben. Diese Aktion zwang das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege zum baldigen Handeln. In jährlichen Kampagnen wurde die Höhle von 1993 bis 2011 wissenschaftlich untersucht und alle Befunde geborgen. Bei diesen Arbeiten wurde in einem Nebengang noch ein umfangreicher Bronzehort entdeckt.

Unter der Leitung von Kreisarchäologe Dr. Stefan Flindt wurden etwa 5 500 menschliche Knochenteile gefunden, die sich etwa 65 bis 70 Individuen zurechnen lassen. Darüber hinaus wurden rund 100 Bronzegegenstände (Ohr-, Arm- und Fingerringe, Armreife) und Keramikteile sichergestellt. Die Bronze- und Keramikfunde ließen sich zeitlich der Hallstattperiode vom 10. bis 8. Jahrhundert v. Chr. zuordnen, so dass dieser Abschnitt als Nutzungszeitraum der Höhle anzunehmen ist.

An den Knochenfunden war jedoch etwas außergewöhnlich, vielleicht einmalig: Durch das kalkhaltige Wasser der Höhle sowie die konstant niedrige Temperatur waren die Knochen sehr gut erhalten, praktisch konserviert. Selbst die DNA der Knochensubstanz war noch vorhanden und ließ sich molekularbiologisch untersuchen. Die DNA-Analyse und der daraus gewonnene genetische Fingerabdruck ergaben eine wissenschaftliche Sensation. Dr. Susanne Hummel und ihr Team vom Göttinger Institut für Anthropologie hatte die DNA von 22 Personen aus drei Generationen typisiert und damit den bislang ältesten bekannten Familienclan der Welt genetisch nachgewiesen. In drei Fällen handelt es sich bei den Personen um Eltern und Kinder, in zwei weiteren Fällen sind es ein Elternteil mit Kindern. Bei 15 der 22 DNA-typisierten Personen liegen Verwandtschaftsbeziehungen vor.  Inzwischen sind sogar 62 Individuen genetisch identifiziert, die in der Höhle begraben waren, und wahrscheinlich sogar 4 – 5 dem Familienclan zugehörige Generationen. Ein analysiertes spezifisches Gen-Muster eines der gefundenen Männer ließ eine Idee aufkeimen. Gibt es noch Nachkommen der Bronzezeitmenschen in der Region und lassen sich diese ausfindig machen?

Es folgte ein Aufruf zum Speicheltest an Alteingesessene der 6 umliegenden Orte. Diese einzigartige Aktion fand regen Zuspruch, 270 Anwohner stellten sich der Wissenschaft zur Verfügung. 2007 folgte der wissenschaftliche Paukenschlag. 2 Männer wurden als ferne Verwandte ermittelt, abstammend über etwa 120 Generationen vom selben Mann, „Eindeutig wie beim Vaterschaftstest“ so Dr. Hummel. Berufsschullehrer Manfred Huchthausen und Landvermesser Uwe Lange, die sich vorher nur vom Sehen kannten, haben einen gemeinsamen, 3.000 Jahre alten Stammbaum. Somit hat der Harz eine Novität in der Wissenschaftswelt, den bislang ältesten nachgewiesenen Stammbaum der Welt.

Seit Juli 2008 hat das nahe gelegene Bad Grund eine neue Harzer Besucherattraktion. Das HöhlenErlebnisZentrum Iberger Tropfsteinhöhle wurde nach nur 15 Monaten Bauzeit und einer Investition von 3,65 Mio. Euro eröffnet. Erste Überlegungen dazu, und somit die Idee, kamen vom Ausgräber Kreisarchäologen Dr. Flindt; umgesetzt wurde es unter der Leitung des 2010 verstorbenen Denkmalpflegers Reinhard Roseneck.

Entstanden ist zum einen ein Übertage-Museum, dass die sensationellen Ergebnisse der Erforschung der Lichtenstein-Höhle präsentiert. Auch die Rekonstruktion der Köpfe von einer jungen Bronzezeitfrau und ihrer Eltern sind zu bestaunen, und das Höhlengrab wurde 1:1 nachgebaut. Das Höhlenerlebniszentrum hat aber noch zwei weitere Teile: ein Museum im Berg und die Iberger Tropfsteinhöhle. Das „Museum im Berg“ ist ein 160 m langer Stollen – der in den Berg gesprengt wurde. Unter dem Motto „Ein Riff auf Reisen“ wird so anschaulich die Geschichte des Ibergs dargestellt.