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Pilze, die geheimnisvollen Lebewesen

Brasilianischer Mandel-Egerling (Agaricus subrufescens)
Brasilianischer Mandel-Egerling (Agaricus subrufescens)

Lange wurden die Pilze dem Reich der Pflanzen zugeordnet – ihrer Sesshaftigkeit wegen. Heute gelten sie aufgrund ihrer physiologischen und genetischen Eigenschaften als eigenes Reich und enger mit Tieren als mit Pflanzen verwandt. In der Biologie werden die Pilze der Domäne der Eukaryoten zugerechnet. Unter diesen Eukaryoten werden alle Lebewesen zusammengefasst, deren Zellen einen Zellkern aufweisen, also auch Tiere und Pflanzen.

Das Reich der Pilze (fungi) ist jedoch das Reich aller Lebewesen, über das wir wohl noch am wenigsten wissen. Unter Pilzen verstehen wir im allgemeinen nur die Fruchtkörper der Myzelpilze, die oberhalb der Erde wachsen. Dabei stellt das zumeist unterirdische, zum Teil weit ausladende Myzel den eigentlichen Pilz dar. Es gibt jedoch auch noch eine andere Wachstumsform ohne Myzel: Die Einzeller, wie sie beispielsweise in Hefen leben.

Wir wollen uns jedoch den Vielzellern zuwenden, zu denen in der Biologie auch die Schimmel- und die Ständerpilze zählen. Letzterer Abteilung soll nun unsere Aufmerksamkeit gelten, die ca. 30 000 Arten umfasst. Zu ihr rechnet man auch die Pilze, die unter dem küchensprachlichen Oberbegriff der Speisepilze zusammengefasst werden. Darunter wird ein Ständerpilz verstanden, dessen Fruchtkörper genießbar oder wohlschmeckend ist.

Denken wir an riesige Lebewesen, so fallen uns zunächst spontan der Elefant, der Wal und der Mammutbaum ein. Es gibt jedoch weitaus größere Lebewesen: Pilze. Ein Riesenhallimasch im „Malheur Nationalpark“ in Oregon, USA, ist weit über 2 400 Jahre alt und breitet sich auf 9 Quadratkilometer aus – das sind etwa 1 200 Fußballfelder. Seine einzelnen Fruchtkörper sind nur etwa 12 cm hoch, der gewaltiger Körper – das Myzel – des Megapilzes breitet sich jedoch bis zu einem Meter tief unter der Erde aus und hat ein Gesamtgewicht von ca. 600 Tonnen – das entspricht etwa dem von 3 bis 4 Blauwalen. Dieser Hallimasch-Pilz ist der bisher größte entdeckte seiner Art und zugleich das weltweit größte und schwerste Lebewesen auf unserem Planeten. Sein unverfänglicher Name ist trügerisch, der Hallimasch ist ein Waldkiller. Sein Myzel dringt mit Hilfe von Enzymen in die Bäume des Waldes ein und breitet sich unterhalb der Rinde immer weiter aus. Auf diese Weise entzieht der Hallimasch den Bäumen Wasser und Nährstoffe und bringt ihnen einen schleichenden Tod.

Pilze können jedoch nicht nur riesig groß, sehr alt und auch überaus wohlschmeckend sein, sie haben auch als Heilmittel für den Menschen eine lange Tradition. Aus dieser Anwendung von Heilpilzen bzw. deren Fruchtkörper heraus, hat sich in neuer Zeit die Mykotherapie entwickelt. Dieser Begriff geht vermutlich auf den ungarisch-deutschen Mykologen (Pilzwissenschaftler) Jan Ivan Lelley zurück. Der hochdekorierte Wissenschaftler bezeichnete in seinem Buch „Die Heilkraft der Pilze – Gesund durch Mykotherapie“ – erstmals erschienen im Jahre 1997 – die Mykotherapie auch als „Wissenschaft des Einsatzes von Großpilzen mit Heilwirkung“ und fordert deren Anerkennung als „eigenständigen Bereich der Naturheilkunde“.

Pilze werden in China sowie weiteren asiatischen Ländern und auch in Südamerika in der Medizin schon seit Jahrhunderten als Heilmittel angewandt. Neben der Anwendung in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) hatte die Pilztherapie besonders in Brasilien große Bedeutung. Besonders bekannt ist daher der aus Brasilien stammende Agaricus blazei murill (auch Agaricus subrufescens), kurz ABM genannt.

Seit einigen Jahren finden im zweijährigen Rhythmus internationale Kongresse statt – in diesem Jahr in Kolumbien -, auf denen die medizinische Wirksamkeit von Pilzen diskutiert und neue diesbezügliche Erkenntnisse ausgewertet werden. Auf dem diesjährigen Kongress wurde insbesondere die Wirkung des ABM auf Autoimmunkrankheiten der Schilddrüse erörtert. Darunter versteht man in der Medizin einen Überbegriff für Krankheiten, deren Ursache eine überschießende Reaktion des Immunsystems gegen körpereigenes Gewebe ist. In Kolumbien stellte der italienische Arzt Walter Ardigo seine Erfolge, bei der Bekämpfung dieses Schilddrüsen-Krankheitsbildes mit Hilfe eines Pulvers vom ganzen Pilz, vor. Nach seinen Angaben normalisierten sich bei den Patienten mit Hilfe des ABM-Extraktes die Antikörper und auch die Schilddrüsenhormonwerte.

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Wegen seines hohen speziellen D-Glucan-Gehaltes (Polysaccharide) findet Agricus auch in der alternativen Krebstherapie sowie bei Diabeteserkrankungen, besonders in Japan und den USA, Anwendung; entsprechende anerkannte wissenschaftliche Studien stehen jedoch bislang aus. Auch konnten, trotz angeblich vorzuweisender Therapieerfolge, biochemische, pharmakologische und toxikologische Aspekte wohl bisher nicht hinreichend untersucht werden.

Dennoch gelten die positiven Wirkmechanismen dieses Heilpilzes als unstrittig und ihre zahlreichen Inhaltsstoffe als förderlich eingreifend in das Stoffwechsel- und Immunsystem. Wohl auch nicht zu unterschätzen ist das im Pilz enthaltene Antibiotika, schließlich stammt ja auch das bekannte Penicillin aus Pilzen. Jedoch ist nicht zu verkennen, dass es noch reichlich Forschungspotential in diesem Zusammenhang geben wird. Von einigen Forschern wird die Identität des ABM mit der des Agaricus sylvaticus – des Waldchampignons aus Mitteleuropa – gleichgesetzt. Obwohl beide Pilzarten äußerlich kaum zu unterscheiden sind, fehlen für diese Postulierung bisher die schlüssigen Beweise.

In Asien, Südamerika und den USA wird ABM seit etwa 20 Jahren kommerziell angebaut und sowohl als Speisepilz verkauft, wie auch zu Heilmitteln verarbeitet. Eine Zulassung der Präparate als Arzneimittel besteht in Deutschland nicht, als Nahrungsergänzungsmittel können sie dennoch erworben werden, ohne jedoch medizinische Versprechen abgeben zu dürfen.