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Bernd Sternal

Das Uran-Projekt der Nationalsozialisten letzter Teil

Die wirkliche Gefahr, die von diesem Reaktor-Brandfall in Leipzig ausgegangen war, hatte man wohl noch nicht auf dem Schirm. Um jedoch zukünftig derartige Vorfälle auszuschließen, beschloss man bei weiteren Versuchen das Uran-Pulver durch festen Uran-Guss zu ersetzen.

Heisenberg errechnete, dass für eine erste kritische Kettenreaktion etwa zehn Tonnen Guss-Uran und fünf Tonnen schweren Wassers benötigen würden. Die verschiedenen Forschungsgruppen arbeiteten jedoch nicht kooperativ zusammen, sondern eher gegeneinander. Natürlich war einer der Gründe für diese Konkurrenz auch die mangelnde Verfügbarkeit von Uran, schwerem Wasser und natürlich von Geld. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass jeder seine Ergebnisse für sich behielt und dass daher heute nicht alle Forschungsresultate überliefert sind.

Am 23. Oktober 1943 wurde der Physikprofessor Walther Gerlach zum Leiter der Fachsparte Physik im Reichsforschungsrat ernannt und damit Leiter des Uranprojekts. Zum Jahreswechsel übernahm Gerlach auch den Posten als Bevollmächtigter für Kernphysik von Esau, der sich bei der Leitung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und bei Albert Speer unbeliebt gemacht hatte. In der Folgezeit versagte Gerlach die ihm verfügbaren Gelder den Forschungsprojekten mit militärischen Anwendungsbereichen, wie dem Uranprojekt oder den mittlerweile einsetzbaren Teilchenbeschleunigern, und setzte sie stattdessen vor allem für Projekte der Grundlagenforschung ein. Andererseits verhinderte er, dass die deutschen Physiker zum Wehrdienst eingezogen wurden. Gerlach hatte mit seiner finanziellen Verweigerungspolitik einen weiteren großen Stolperstein für das Uranprojekt aufgestellt. Was aus dem Projekt geworden wäre, wenn die Gelder weiter geflossen wären, darüber lässt sich nur spekulieren.



Den Alliierten war zwar schon lange bekannt, dass die Deutschen an militärischen Anwendungen der Kernspaltung – Uranbombe – arbeiteten, was die bereits dargestellte norwegische Schwerwasser-Sabotage zweifelsfrei belegt. Es war den Alliierten jedoch in den ersten Kriegsjahren nicht möglich dagegen vorzugehen. Entsprechende Sabotageakte im Deutschen Reich galten als nicht realisierbar und Luftangriffen waren auf Grund mangelnder Reichweite der Bombenflugzeuge noch nicht möglich.

Mit Beginn des Jahres 1944 änderte sich die Situation jedoch grundlegend. Die alliierten Bombengeschwader konnten nun fast alle Regionen in Deutschland erreichen. Hinzu kam die zunehmende Schwäche der deutschen Luftwaffe sowie der Luftabwehr.

Kurt Diebner, Wikipedia
Kurt Diebner, Wikipedia

Die Deutschen hatten diese Gefahr jedoch bereits im Herbst 1943 erkannt und einige Forschungseinrichtungen in vermeintlich sicherere Gebiete verlegt: Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik zog nach Hechingen in Südwestdeutschland, deren Chemie-Institut unter Otto Hahn nach Tailfingen. Das Kummersdorfer Forscherteam um Diebner ging nach Stadtilm in Thüringen, die Hamburger Forscher Harteck und Groth zogen mit ihrer Uranzentrifuge erst nach Freiburg, dann nach Celle.

Es half alles nichts! Im Frühjahr 1944 griffen britische Bombengeschwader mehrfach Frankfurt am Main an und zerstörten die Uran-Produktionsanlagen der Degussa-Werke. Im Sommer 1944 wurden auch die Leuna-Werke bombardiert. Daraufhin zeigten auch die I.G. Farben kein Interesse mehr an der Produktion von schwerem Wasser.

Somit war im Sommer 1944 das gesamte Uran-Projekt mangels Uran und schwerem Wasser fast zum Erliegen gekommen.

Jedoch waren einige Physiker, unter ihnen Heisenberg, Bothe und Wirtz in Berlin geblieben. In dem neuen Bunker errichteten sie einen Uranreaktor. Ende 1944 wurde dieser dann von Wirtz mit 1,25 Tonnen Uran und 1,5 Tonnen schwerem Wasser bestückt. Dieser Versuch zeigte eine deutliche Vermehrung der aus einer radioaktiven Neutronenquelle zugeführten Neutronen. Weitere Versuche wurden geplant, Ende Januar 1945 überquerte die Rote Armee jedoch die Oder. Den Physikern wurde der Befehl erteilt, Berlin umgehend zu verlassen. Das Uran und das schwere Wasser wurden zu Diebner nach Stadtilm verbracht und die Physiker gingen nach Hechingen.

Ein weiterer Versuch sollte danach in einem Felsenkeller in Haigerloch bei Hechingen durchgeführt werden. Dazu wurden die Ausrüstungen und Materialien von Stadtilm nach Haigerloch geschafft. Ende Februar 1945 konnte der Forschungsreaktor Haigerloch mit 1,5 Tonnen Uran und der gleichen Menge an schwerem Wasser in Betrieb genommen werden. Die Materialien reichten jedoch nicht aus, um eine kritische Reaktion zu erzeugen. Heisenberg versuchte noch, die letzten Vorräte an Uran und schwerem Wasser aus Stadtilm zu besorgen, doch die Lieferung kam nicht mehr an. Es sollte keine weiteren Versuche mehr folgen.

Bereits 1943 hatten die US-Amerikaner die Alsos-Mission gestartet. Das war der Codename von drei US-Geheimdienst-Missionen, die zwischen Ende 1943 und Ende 1945 im Rahmen des Manhattan-Projektes der USA durchgeführt wurden. Ziel war es, herauszufinden, ob es ein deutsches Projekt zum Bau einer Atombombe gab, und wenn ja, wer die beteiligten Wissenschaftler waren und wie weit die Bemühungen gediehen waren, sowie deren Weiterführung zu verhindern.

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Am 23. April 1945 erreichte schließlich die Alsos-Mission Haigerloch. Der „Atomkeller“ in Haigerloch, in dem die Versuchsanlage aufgebaut war, wurde demontiert, das zuvor versteckte Uran und schwere Wasser abtransportiert und die beteiligten Wissenschaftler verhaftet.

Ein wichtiger Bestandteil der Alsos-Mission war es, nun auch zu verhindern, dass wissenschaftliches Know-how in die Hände der Sowjetunion fallen würde. Dazu wurde alles was in Verbindung zum Uranprojekt stand und in amerikanische Hände fiel, unverzüglich in die USA verbracht. Zudem wurde versucht aller beteiligten Wissenschaftler habhaft zu werden. Die gefangenen Wissenschaftler wurden auf dem Landsitz Farm Hall in England interniert und mehrere Monate lang verhört (Codename Operation Epsilon).

Das Alsos-Projekt wurde am 15. Oktober 1945 eingestellt. Deutschland wurde bis in die 50er Jahre hinein mit einem Verbot der kernphysikalischen Forschung belegt.

Das Uran-Projekt der Nationalsozialisten Teil 3

Frédéric Joliot-Curie, Wikipedia
Frédéric Joliot-Curie, Wikipedia

Es waren französische Wissenschaftler um Frédéric Joliot-Curie, die den französischen Rüstungsminister Raoul Dautry über des Interesse der Deutschen an dem schweren Wasser aus Norwegen informierten. Zudem forderten sie den Minister auf Grund der militärischen Bedeutung das schwere Wasser der Norweger auf, dieses zu erwerben, was ja auch gelang.
Von diesem Zeitpunkt an waren die deutschen Kriegsgegner sich der kriegswichtigen Bedeutung der Moderator-Flüssigkeit bewusst und somit auch der Bedeutung des norwegischen Werkes. Nach Kriegsausbruch haben die alliierten Geheimdienste gemeinsame Aktionen gegen das Hitler-Reich geplant. Da 1941 Frankreich bereits von deutschen Truppen besetzt war, konzentrierte sich die Planung geheimer militärischer Aktionen auf Großbritannien.
So wurde 1941 in Großbritannien die Special Operations Executive (SOE) gegründet. Das war eine britische nachrichtendienstliche Spezialeinheit, die auf Weisung von Churchill zur subversiven Kriegsführung gegründet worden war.
Während der Besetzung Norwegens ging ein Teil des norwegischen Militärs ins Exil nach Großbritannien. Innerhalb der britischen SOE wurde aus norwegischen Militärs die Norwegian Independent Company No. 1 gegründet, die als Kompanie Linge in die Geschichtsbücher einging. Benannt wurde die Einheit nach ihrem ersten Kompaniechef, dem norwegischen Hauptmann Martin Linge.
Aufgabe dieser norwegischen Truppe war es, die Alliierten durch nachrichtendienstliche Informationen über ihr Heimatland, sowie durch gezielte Sabotageakte in Norwegen, zu unterstützen. Für diese Aktivitäten pflegte die Linge-Kompanie enge Kontakte zur norwegischen Widerstandsbewegung Milorg.
Als erste Aktion in der sogenannten Operation Gunnerside, gegen die deutsche Übernahme des norwegischen Schwerwasser-Werkes, setzten die Einheit 1941 den ehemaligen Bauingenieur von Norsk-Hydro, Einar Skimmarland, der nach Großbritannien geflüchtet war, mit einem Fallschirm in der Region des Werkes ab. Skinnarland sollte die Einsatzzentrale mit aktuellen Informationen über die Bewachung und etwaige Bewegungen der Deutschen versorgen.
In einer zweiten Sabotage-Aktion am 18. Oktober 1942, der Operation Grouse, wurden vier weitere norwegische Widerstandskämpfer per Fallschirm auf der Hochfläche Hardangervidda abgesetzt. Die Hardangervidda ist ein Plateaufjell in Norwegen und die größte Hochebene Europas. Sie hat eine Fläche von zirka 8.000 km², im Mittel eine Höhe zwischen 1200 m und 1400 m und erstreckt sich über Bereiche der Fylke Buskerud im Nordosten, Hordaland im Westen und Telemark im Südosten. Die vier Norweger stellten die Vorhut für eine geplante Sprengung des Schwerwasser-Werkes dar. Die Gruppe um den Funker Knut Magne Haugland, der über gute Orts- und Fachkenntnisse verfügte, hatte als Treffpunkt eine Almhütte ausgewählt. Ihr Auftrag bestand darin, für die Landung von zwei Lastenseglern mit Spezialeinheiten, geeignete Landeplätze zu erkunden und die entsprechenden Informationen an die Briten weiterzugeben. Weiterhin sollten sie die Briten empfangen und zum Einsatzort führen. Die Gruppe landete jedoch nicht an der geplanten Position, sondern 15 km westlicher in sehr unwegsamen Gelände. Sie erreichte daher erst am 10. November ihr Ziel, die Sandvass-Hütte. In der Nacht des 19. November sollte die britische Spezialeinheit „Freshmann“, die für die Sprengung verantwortlich zeichnete, in zwei Lastenseglern Airspeed Horsa auf dem Hochplateau landen.
Die Operation wurde jedoch ein Fiasko: Wegen schlechter Sicht konnte der Einsatzort nicht erreicht werden. Nachdem sie zurückbeordert worden waren, mussten die beiden Schleppflugzeuge vom Typ Halifax die Gleiter wegen inzwischen aufgetretener Vereisung ausklinken. Nach Absturz einer Halifax und missglückter Notlandung der beiden Gleiter fanden insgesamt 41 Briten den Tod. 23 Teilnehmer der Operation überlebten zwar den Absturz, wurden aber gefangengenommen, „verhört“ und gemäß Hitlers Kommandobefehl hingerichtet. Die fehlgeschlagene Operation hatte zur Folge, dass die vier Norweger in der Hütte überwintern mussten. Erst Ende Februar 1943, also vier Monate nach Landung der Vorhut, trafen 6 Spezialisten der Kompanie Linge ein und gemeinsam konnte die Sprengaktion in Vermork durchgeführt werden. Die Aktion fand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1943 statt und alle zehn Beteiligten entkamen unerkannt.




Jedoch konnte die Sprengung nicht den geplanten und erhofften Schaden im Schwerwasser-Werk anrichten. Schon nach kurzer Zeit hatten die Deutschen die Schäden beseitigt und die Produktion wiederaufgenommen. Diese wenig erfolgreiche Geheimoperation wurde auch den Briten und Amerikaner schnell bekannt. Zunächst wurde eine weitere Sabotageaktion geplant, dann jedoch verworfen. Man hatte erkannt, dass die Bausubstanz des Werkes nicht mit Sprengladungen, die von Sabotage-Teams transportiert werden konnten, zu zerstören war. Daher wurde eine massive Bombardierung durch die US-Luftflotte ins Auge gefasst.
Am 16. November 1943 flogen mehr als 160 Flugzeuge der 8. US-Luftflotte den Angriff gegen das Werk in Vemork. Bei diesem Luftangriff wurden 20 Zivilisten getötet. Das strategische Ziel – die Zerstörung der Schwerwasser-Produktion – wurde jedoch wieder nicht erreicht. Die Produktionsanlage blieb fast unbeschädigt, weil die Bomben nicht in der Lage waren die darüber befindlichen 7 massiven Betonstockwerke zu zerstören.
Alle Operationen der Alliierten waren fehlgeschlagen und die Deutschen wollten nicht auf weiter Angriffe auf das Schwerwasser-Werk warten. Sie wollten nun das verfügbare Schwerwasser umgehend nach Deutschland transportieren und auch die gesamte Produktionsanlage. Das Vorhaben musste schnell, im Geheimen und ohne jedes Aufsehen ablaufen. Am 18. Februar 1944 wurde das verfügbare Schwerwasser mit der Rjukanbahn auf die Eisenbahnfähre Hydro verladen, die den See Tinnsjå passieren musste.
Dennoch blieben die Aktivitäten der Deutschen den Alliierten nicht verborgen. Sie hatten inzwischen überall, auch bei Norsk Hydro, Informanten. In der Nacht vor dem Auslaufen der Fähre übermittelten die Briten per Funk exakte Anweisungen an den norwegischen Widerstandskämpfer Knut Haukelid. Dieser platzierte vor dem Auslaufen Sprengladungen mit Zeitzünder auf der Fähre. Diese waren so eingestellt, dass sie an der tiefsten Stelle des Sees detonieren sollten und dort auch die Fährte untergehen sollte. Die Sabotage-Aktion gelang: Jedoch starben dabei 14 norwegische Zivilisten und vier begleitende Deutsche. Diese Verluste waren einkalkuliert.
Damit endete die Herstellung von schwerem Wasser in Norwegen. Im Frühjahr 1993 wurden die Fässer aus dem Tinnsjå geborgen. Nach der chemischen Analyse wurde nur noch ein Anteil von 2,5 % schwerem Wasser ermittelt, der Rest war „normales“ Wasser geworden. Das Norwegische Fernsehen drehte 1993 darüber die Dokumentation „Hydros hemmelighet“.
Demnächst mehr über das Uranprojekt der Nationalsozialisten.

Das Uran-Projekt der Nationalsozialisten Teil 2

Walter Bothe, WikipediaDie Entscheidung zu Gunsten von schwerem Wasser als Moderator ist auch auf fehlerhafte Messungen zurückzuführen gewesen, die Walter Bothe in Heidelberg vorgenommen hatte. Als weiterer Moderator war Graphit in der engeren Auswahl, doch Bothe kam bei seinen Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass Graphit nicht sehr geeignet sei.
Dieses Ergebnis stellte sich jedoch später als falsch heraus und beim US-amerikanischen „Manhattan-Projekt“ wurde drei Jahre später Graphit statt schweren Wassers eingesetzt, weil dieses einfacher zu beschaffen war.
Es stellte sich zunächst als Problem dar, die für einen Reaktorbetrieb benötigten Mengen an Uran und schweren Wassers zu beschaffen.
Das Heereswaffenamt hatte das gesamte Uranprojekt an sich gezogen und für alle Produktions- und Forschungsanstalten ein Verbot für weitere unabgestimmte Aktivitäten in diesem Bereich erlassen.
Zunächst wurde die Physikalisch-Technische Reichsanstalt angewiesen ihre Uranvorräte an das Heereswaffenamt herauszugeben: Jedoch waren diese bei weitem nicht ausreichend für einen Reaktorbetrieb.
Mit der Annexion des Sudetenlandes kam in der Folge die Berliner Auergesellschaft ins Spiel. Da diese AG bereits einige Erfahrungen mit radioaktiven Stoffen gesammelt hatte bekam sie die Möglichkeit Uranbergwerke in der Karlsbader Region auszubeuten. Das dort gewonnene Uranerz wurde nach Oranienburg transportiert, um es dort zu Uranoxid zu verarbeiteten. Die Kapazität dieses Werkes lag bei etwa einer Tonne pro Monat, was jedoch nicht ausreichend für das Reaktorprojekt war.
Mit der Besetzung Belgiens durch die deutsche Wehrmacht im Frühjahr 1940 konnten die Uran-Beschaffungsprobleme des Heereswaffenamtes ansatzweise gelöst werden. Es wurden die Uranvorräte der belgischen Firma Union Minière du Haut Katanga, die Uranerz aus Belgisch-Kongo importierte, sichergestellt. Während der folgenden fünf Jahre schafften die deutschen Truppen 3.500 Tonnen Uran-Verbindungen aus Belgien in das Salzbergwerk Staßfurt. Aus diesen Vorräten stillte die Auergesellschaft bis Kriegsende ihren weiteren Uran-Bedarf. Da der Kongo mit seinen Uranminen belgischer Kolonialbesitz war, verlegte Union Minière du Haut Katanga nach der Invasion Belgiens seinen Firmensitz ins Ausland, von wo sie später dann auch die USA mit Uran versorgten. Das Uran für das Manhattan-Projekt, wie auch für die Atombomben für Hiroshima und Nagasaki stammte von dieser Firma.

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Komplizierter als die Uranbeschaffung gestaltete sich die Beschaffung von schwerem Wasser. Im Deutschen Reich gab es keine ausreichende Beschaffungsquelle und ein solche war auch nicht im Schnelllauf zu schaffen.
Daher nahm die I.G. Farben AG Kontakt nach Norwegen auf. Dort produziere die Norwegische Hydroelektrische Gesellschaft – Norsk Hydro – als Nebenprodukt der Kunstdünger-Produktion bereits seit 1934 schweres Wasser. Jedoch war die Menge sehr gering. Im Auftrag des Heereswaffenamtes wollte die I.G. Farben den gesamten Vorrat von etwa 185 kg schweren Wassers von Norsk Hydro kaufen. Jedoch war der französische Geheimdienst den Deutschen zuvorgekommen, denn in Paris experimentierte Frédéric Joliot-Curie im Auftrag seiner Regierung auch an der Kernspaltung.
Im Frühjahr 1940 begann die Wehrmacht Norwegen zu besetzen. Am 3. Mai nahm sie Rjukan ein, welches etwa 180 km westlich von Oslo in der Provinz Telemark liegt. Dort befand sich das Schwerwasserwerk von Norsk Hydro, dass damals einzige weltweit. Die Wehrmacht konnte das Werk unbeschädigt einnehmen. Jedoch war die Enttäuschung groß, denn der Vorrat an schwerem Wasser war bereits an die Franzosen geliefert worden. Dem Heereswaffenamt war nun klar, dass auch die Feinde an der Nutzung der Kernspaltung arbeiteten.




Die Fabrik in Rjukan/Vemork wurde daraufhin beauftragt schnellstmöglich schweres Wasser für Deutschland zu produzieren. Die Norweger hatten zwar Bedenken, denn sie kannten inzwischen den Hintergrund, jedoch wurden sie stark unter Druck gesetzt, so dass sie sich den deutschen Weisungen fügten.
Im Jahr 1940 forschten drei Wissenschaftler in Deutschland an einem Uranmeiler: Werner Heisenberg am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin, Kurt Diebner in Kummersdorf sowie Paul Harteck an der Universität Hamburg. Die drei Forscher unterlagen einem harten Konkurrenzkampf und zudem waren Uran und auch schweres Wasser nicht in ausreichender Menge verfügbar. Die geringen Mengen an Uran und schwerem Wasser mussten die drei untereinander aufteilen, so dass letztlich keiner zu Ergebnissen kam.
Während des Westfeldzuges fiel Mitte Juni 1940 Paris. Dort suchte das Heereswaffenamt sofort das Forschungslabor von Curie auf. Es war den Deutschen, um den Forschungschef des Heereswaffenamtes Erich Schumann, bekannt, dass der französische Physiker an der Kernspaltung forschte, zudem war er nicht wie seine Kollegen geflohen. Man überrede Curie seinen halbfertigen Reaktor, unter deutscher Mitarbeit, fertigzustellen. Im Juli begann eine Arbeitsgruppe in Paris unter der Leitung von Wolfgang Gentner mit den Arbeiten.

Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin-Dahlem, 1939
Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin-Dahlem, 1939.

Parallel dazu wurde im Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut ein Forschungslabor errichtet, in dem der erste deutsche Reaktor entstehen sollte. Bezeichnenderweise wurde der Bau „Virus-Haus“ genannt, um ihm eine abschreckende Wirkung zu verleihen.
Es war den Physikern in jener Zeit bewusst, dass die Kernspaltung, wenn sie denn gelingt, auch den Bau einer Atombombe ermöglichen würde. Es war ihnen jedoch auch bewusst, dass die sogenannte „Uranbombe“ nicht mit Natur-Uran herzustellen war.
Die deutschen Wissenschaftler sahen eine Problemlösung in der Anreicherung des Natur-Urans mit spaltbaren Uran-Isotopen. Verschiedene Wissenschaftler, vor allem Chemiker, arbeiteten in Deutschland an dieser Lösung.
Jedoch Theorie ist das eine, Praxis das andere. Erst 1942 kam für die Uran-Anreicherung ein brauchbarer Vorschlag. Der Physiker Heinz Ewald vom Kaiser-Wilhelm-Institut schlug eine Atomumwandlungsanlage vor, in der ionisierte Uran-Atome in einem elektrischen Feld beschleunigt und anschließend in einem ringförmigen magnetischen Feld anhand der Unterschiede der Massenzahlen getrennt werden. Manfred von Ardenne, der in Berlin-Lichterfelde das Forschungslaboratorium für Elektronenphysik leitete, griff die Idee auf und baute einen Prototyp. Er wurde bei seinem Projekt vom Reichspostministerium finanziell unterstützt. Diese Anlage, ähnlich der französischen Zyklotron-Anlage, wurde Ende 1943 bei Miersdorf in Brandenburg fertiggestellt.
In der Zwischenzeit hatten die alliierten Geheimdienste die diesbezüglichen Aktivitäten der Wehrmacht erkannt und analysiert. Sie hatten anfangs wenig Möglichkeiten die Aktivitäten in Deutschland zu unterbinden. Aber ihnen war bekannt, dass die Wehrmacht auf schweres Wasser setzte und das dieses ausschließlich in Norwegen produziert wurde.
Dementsprechend begannen sie Aktionen zu planen, die die Produktion im norwegischen Vemork-Werk unterbinden sollten. Aber darüber berichte ich demnächst.