Archiv der Kategorie: Geschichte

Was die Erfahrung und die Geschichte lehren, ist dieses, daß Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Das Uran-Projekt der Nationalsozialisten letzter Teil

Die wirkliche Gefahr, die von diesem Reaktor-Brandfall in Leipzig ausgegangen war, hatte man wohl noch nicht auf dem Schirm. Um jedoch zukünftig derartige Vorfälle auszuschließen, beschloss man bei weiteren Versuchen das Uran-Pulver durch festen Uran-Guss zu ersetzen.

Heisenberg errechnete, dass für eine erste kritische Kettenreaktion etwa zehn Tonnen Guss-Uran und fünf Tonnen schweren Wassers benötigen würden. Die verschiedenen Forschungsgruppen arbeiteten jedoch nicht kooperativ zusammen, sondern eher gegeneinander. Natürlich war einer der Gründe für diese Konkurrenz auch die mangelnde Verfügbarkeit von Uran, schwerem Wasser und natürlich von Geld. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass jeder seine Ergebnisse für sich behielt und dass daher heute nicht alle Forschungsresultate überliefert sind.

Am 23. Oktober 1943 wurde der Physikprofessor Walther Gerlach zum Leiter der Fachsparte Physik im Reichsforschungsrat ernannt und damit Leiter des Uranprojekts. Zum Jahreswechsel übernahm Gerlach auch den Posten als Bevollmächtigter für Kernphysik von Esau, der sich bei der Leitung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und bei Albert Speer unbeliebt gemacht hatte. In der Folgezeit versagte Gerlach die ihm verfügbaren Gelder den Forschungsprojekten mit militärischen Anwendungsbereichen, wie dem Uranprojekt oder den mittlerweile einsetzbaren Teilchenbeschleunigern, und setzte sie stattdessen vor allem für Projekte der Grundlagenforschung ein. Andererseits verhinderte er, dass die deutschen Physiker zum Wehrdienst eingezogen wurden. Gerlach hatte mit seiner finanziellen Verweigerungspolitik einen weiteren großen Stolperstein für das Uranprojekt aufgestellt. Was aus dem Projekt geworden wäre, wenn die Gelder weiter geflossen wären, darüber lässt sich nur spekulieren.



Den Alliierten war zwar schon lange bekannt, dass die Deutschen an militärischen Anwendungen der Kernspaltung – Uranbombe – arbeiteten, was die bereits dargestellte norwegische Schwerwasser-Sabotage zweifelsfrei belegt. Es war den Alliierten jedoch in den ersten Kriegsjahren nicht möglich dagegen vorzugehen. Entsprechende Sabotageakte im Deutschen Reich galten als nicht realisierbar und Luftangriffen waren auf Grund mangelnder Reichweite der Bombenflugzeuge noch nicht möglich.

Mit Beginn des Jahres 1944 änderte sich die Situation jedoch grundlegend. Die alliierten Bombengeschwader konnten nun fast alle Regionen in Deutschland erreichen. Hinzu kam die zunehmende Schwäche der deutschen Luftwaffe sowie der Luftabwehr.

Kurt Diebner, Wikipedia
Kurt Diebner, Wikipedia

Die Deutschen hatten diese Gefahr jedoch bereits im Herbst 1943 erkannt und einige Forschungseinrichtungen in vermeintlich sicherere Gebiete verlegt: Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik zog nach Hechingen in Südwestdeutschland, deren Chemie-Institut unter Otto Hahn nach Tailfingen. Das Kummersdorfer Forscherteam um Diebner ging nach Stadtilm in Thüringen, die Hamburger Forscher Harteck und Groth zogen mit ihrer Uranzentrifuge erst nach Freiburg, dann nach Celle.

Es half alles nichts! Im Frühjahr 1944 griffen britische Bombengeschwader mehrfach Frankfurt am Main an und zerstörten die Uran-Produktionsanlagen der Degussa-Werke. Im Sommer 1944 wurden auch die Leuna-Werke bombardiert. Daraufhin zeigten auch die I.G. Farben kein Interesse mehr an der Produktion von schwerem Wasser.

Somit war im Sommer 1944 das gesamte Uran-Projekt mangels Uran und schwerem Wasser fast zum Erliegen gekommen.

Jedoch waren einige Physiker, unter ihnen Heisenberg, Bothe und Wirtz in Berlin geblieben. In dem neuen Bunker errichteten sie einen Uranreaktor. Ende 1944 wurde dieser dann von Wirtz mit 1,25 Tonnen Uran und 1,5 Tonnen schwerem Wasser bestückt. Dieser Versuch zeigte eine deutliche Vermehrung der aus einer radioaktiven Neutronenquelle zugeführten Neutronen. Weitere Versuche wurden geplant, Ende Januar 1945 überquerte die Rote Armee jedoch die Oder. Den Physikern wurde der Befehl erteilt, Berlin umgehend zu verlassen. Das Uran und das schwere Wasser wurden zu Diebner nach Stadtilm verbracht und die Physiker gingen nach Hechingen.

Ein weiterer Versuch sollte danach in einem Felsenkeller in Haigerloch bei Hechingen durchgeführt werden. Dazu wurden die Ausrüstungen und Materialien von Stadtilm nach Haigerloch geschafft. Ende Februar 1945 konnte der Forschungsreaktor Haigerloch mit 1,5 Tonnen Uran und der gleichen Menge an schwerem Wasser in Betrieb genommen werden. Die Materialien reichten jedoch nicht aus, um eine kritische Reaktion zu erzeugen. Heisenberg versuchte noch, die letzten Vorräte an Uran und schwerem Wasser aus Stadtilm zu besorgen, doch die Lieferung kam nicht mehr an. Es sollte keine weiteren Versuche mehr folgen.

Bereits 1943 hatten die US-Amerikaner die Alsos-Mission gestartet. Das war der Codename von drei US-Geheimdienst-Missionen, die zwischen Ende 1943 und Ende 1945 im Rahmen des Manhattan-Projektes der USA durchgeführt wurden. Ziel war es, herauszufinden, ob es ein deutsches Projekt zum Bau einer Atombombe gab, und wenn ja, wer die beteiligten Wissenschaftler waren und wie weit die Bemühungen gediehen waren, sowie deren Weiterführung zu verhindern.

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Am 23. April 1945 erreichte schließlich die Alsos-Mission Haigerloch. Der „Atomkeller“ in Haigerloch, in dem die Versuchsanlage aufgebaut war, wurde demontiert, das zuvor versteckte Uran und schwere Wasser abtransportiert und die beteiligten Wissenschaftler verhaftet.

Ein wichtiger Bestandteil der Alsos-Mission war es, nun auch zu verhindern, dass wissenschaftliches Know-how in die Hände der Sowjetunion fallen würde. Dazu wurde alles was in Verbindung zum Uranprojekt stand und in amerikanische Hände fiel, unverzüglich in die USA verbracht. Zudem wurde versucht aller beteiligten Wissenschaftler habhaft zu werden. Die gefangenen Wissenschaftler wurden auf dem Landsitz Farm Hall in England interniert und mehrere Monate lang verhört (Codename Operation Epsilon).

Das Alsos-Projekt wurde am 15. Oktober 1945 eingestellt. Deutschland wurde bis in die 50er Jahre hinein mit einem Verbot der kernphysikalischen Forschung belegt.

Das Uranprojekt der Nationalsozialisten Teil 4

Der Kampf um das schwere Wasser war damit in Norwegen mit einem hohen Blutzoll beendet und hatte zudem dem deutschen Uranprojekt einen erheblichen Schaden zugefügt. Die Aktionen von Mitte 1942 bis Februar 1944 waren eine der größten koordinierten Widerstandsoperationen in einem von den Deutschen besetzten Land während des gesamten Krieges.

Dennoch hatten verschiedene deutsche Forschergruppen bereits ab etwa 1941 andere Möglichkeiten auf dem Weg zur Kernspaltung ins Auge gefasst.

Mit zunehmender Forschung kam es jedoch bei den deutschen Physikern und Chemikern zu Gewissenskonflikten, nach dem klar wurde, dass es theoretisch möglich sei eine Atombombe zu bauen. Bereits im Spätsommer 1941 reiste Heisenberg zu seinem einstigen Mentor Nils Bohr nach Kopenhagen, um mit ihm über das Uranprojekt zu reden. Wie dieses Gespräch verlief, darüber gibt es verschiedene Auslegungen, es war aber wohl für Heisenberg wenig erfolgreich.

Neben Heisenberg, Hahn und von Weizsäcker war besonders von Ardenne beim Uranprojekt federführend. Aus dessen Forschungslaboratorium für Elektronenphysik in Berlin-Lichterfelde kam auch von dem Physiker Friedrich Georg Houtermans der Vorschlag, in einem Uranbrenner aus dem wesentlich häufigeren Uranisotop 238U das ebenfalls leicht spaltbare Plutoniumisotop 239Pu in einem Kernreaktor zu erbrüten. Er fasste seine Ergebnisse in einem geheimen Forschungsbericht „Zur Frage der Auslösung von Kern-Kettenreaktionen“ zusammen. Dieser Bericht war zwar staatlichen Stellen und einigen im Uranverein organisierten Physikern zugänglich, er wurde aber wohl nicht weiter beachtet.

Carl Friedrich von Weizsäcker berichtete darüber an das Heereswaffenamt, man könne wohl Plutonium „zum Bau sehr kleiner Maschinen“, „als Sprengstoff“ und „zur Umwandlung anderer Elemente“ nutzen.

Vom Frühjahr 1941 ist ein Patententwurf Weizsäckers bekannt. Er beinhaltet neben Ansprüchen auf Kernreaktoren ein „Verfahren zur explosiven Erzeugung von Energie und Neutronen“, dass „in solcher Menge an einen Ort gebracht wird, z.B. in einer Bombe“. Was er sich persönlich davon versprochen hat, bleibt fragwürdig. Alle Patente die in der NS-Zeit erteilt wurden und in irgendeiner Weise militärische Relevanz hatten, wurden zwangsweise als Geheimpatente an den Staat übertragen. Die Uranverein-Arbeitsgruppe am Kaiser-Wilhelm-Institut erarbeitete in der Folge eine weitere diesbezügliche Patentanmeldung. In dieser Liste der Patentansprüche zu einer „Uranmaschine“ vom August 1941 gibt keinen Hinweis mehr auf eine Bombe.

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Im Laufe des Russlandfeldzuges geriet die deutsche Kriegswirtschaft zunehmend unter Druck. Das Uranprojekt lief zwar weiter, versprach jedoch in absehbarer Zeit keine kriegsbedeutenden Anwendungen, was das Heereswaffenamt veranlasste, das Projekt in andere Hände zu geben. Beauftragt wurde der Reichsforschungsrat, der dem Reichserziehungsministerium unterstand. Projektverantwortlicher wurde zum Jahreswechsel 1941/41 der Physiker Abraham Esau. Ein Jahr später wurde er zum „Bevollmächtigten für Kernphysik“ ernannt und hatte fortan alle diesbezüglichen Forschergruppen unter seiner Kontrolle.

Jedoch ging es kaum voran, überall herrschte der Mangel, besonders an schwerem Wasser und an Uran. Daher schaltete man die Leunawerke ein, die in Merseburg eine Schwerwasseranlage errichten sollten. Zudem wurde die Degussa mit der Uranbeschaffung beauftragt.

Werner Heisenberg, Wikipedia
Werner Heisenberg, Wikipedia

Von Werner Heisenberg wurde der erste Uranbrenner entworfen und zusammen mit dem Experimentalphysiker Robert Döpel am physikalischen Institut der Universität Leipzig realisiert. Im Spätsommer 1942 gelang Döpel dann als Erstem der Nachweis einer Neutronenvermehrung. Damit waren die Deutschen den US-amerikanischen Forscherteam um Enrico Fermi um eine Nasenlänge voraus. Doch schon bald sollten die Amerikaner die Deutschen überholen, ihre Voraussetzungen waren einfach deutlich besser.

Nach dem Tod von Fritz Todt wurde Albert Speer im Februar 1942 Rüstungsminister. Am 4. Juni 1942 bestellte er Heisenberg sowie andere Uranprojekt-Mitarbeiter in sein Ministerium ein, um sich über den Fortschritt des Projektes informieren zu lassen. Auf die Frage, wie groß denn eine Uranbombe wäre, deren Wirkung genügen würde, um eine große Stadt zu zerstören, antwortete Heisenberg angeblich: „So groß wie eine Ananas“ und bezog sich dabei vermutlich nur auf die eigentliche Sprengladung. Heisenberg schob jedoch gleich nach, dass eine solche Bombe noch eine längere Entwicklungszeit benötigen würde und zudem derzeit wirtschaftlich kaum möglich sei. Er verwies zudem auf die Bedeutung eines Kernreaktors, besonders für die Zeit nach dem Krieg.

Für Speer war diese Auskunft Grund, das Uranprojekt nicht weiter zu forcieren. Dennoch genehmigte er auf dem Gelände des Kaiser-Wilhelm-Instituts den Bau eines Bunkers, in dem der erste Uranmeiler errichtet werden sollte.




Ende Juni 1942 kam es dann im Leipziger Forschungsreaktor zu einem folgenschweren Unfall. Gemäß erhaltenen Versuchsprotokolle wurden in der „Uranmaschine“ 750 kg Uranpulver und 140 kg schweres Wasser in zwei miteinander verschraubten Halbkugeln aus Aluminium gefüllt und in einem Kühlwassertank versenkt. Es schien zunächst ein erfolgreiches Experiment zu werden, denn es wurden mehr Neutronen erzeugt als verbraucht wurden. Am 23. Juni 1942 entwickelten sich jedoch recht plötzlich Wasserstoffblasen. Dadurch erhitzte sich die Reaktorkugel zunehmend und alle Versuche einer Abkühlung blieben erfolglos. Das Kühlwasser begann zu brodeln und dann explodierte die Kugel. Der ganze Versuchsraum wurde durch brennendes Uran in Brand gesetzt und alle ersten Löschversuche scheiterten. Durch Anleitung Döpels konnte jedoch der Brand gelöscht werden. Es hatte keine nukleare Kettenreaktion stattgefunden, sondern Wasser war in die Uranschicht gesickert und es hatte sich Wasserstoff und zusammen mit Luftsauerstoff Knallgas gebildet, das mit dem Uran verpuffte. – Diese Havarie war der erste in einer langen Reihe von Störfällen in kerntechnischen Anlagen, bei denen sich aus Wasserdampf und überhitztem Metall (hier Uranpulver) oder Graphit (wie in Tschernobyl) mit Luft ebenfalls explosive Gase (Knallgas oder Wassergas) bildeten und entzündeten.

Demnächst mehr!

Das Uran-Projekt der Nationalsozialisten Teil 3

Frédéric Joliot-Curie, Wikipedia
Frédéric Joliot-Curie, Wikipedia

Es waren französische Wissenschaftler um Frédéric Joliot-Curie, die den französischen Rüstungsminister Raoul Dautry über des Interesse der Deutschen an dem schweren Wasser aus Norwegen informierten. Zudem forderten sie den Minister auf Grund der militärischen Bedeutung das schwere Wasser der Norweger auf, dieses zu erwerben, was ja auch gelang.
Von diesem Zeitpunkt an waren die deutschen Kriegsgegner sich der kriegswichtigen Bedeutung der Moderator-Flüssigkeit bewusst und somit auch der Bedeutung des norwegischen Werkes. Nach Kriegsausbruch haben die alliierten Geheimdienste gemeinsame Aktionen gegen das Hitler-Reich geplant. Da 1941 Frankreich bereits von deutschen Truppen besetzt war, konzentrierte sich die Planung geheimer militärischer Aktionen auf Großbritannien.
So wurde 1941 in Großbritannien die Special Operations Executive (SOE) gegründet. Das war eine britische nachrichtendienstliche Spezialeinheit, die auf Weisung von Churchill zur subversiven Kriegsführung gegründet worden war.
Während der Besetzung Norwegens ging ein Teil des norwegischen Militärs ins Exil nach Großbritannien. Innerhalb der britischen SOE wurde aus norwegischen Militärs die Norwegian Independent Company No. 1 gegründet, die als Kompanie Linge in die Geschichtsbücher einging. Benannt wurde die Einheit nach ihrem ersten Kompaniechef, dem norwegischen Hauptmann Martin Linge.
Aufgabe dieser norwegischen Truppe war es, die Alliierten durch nachrichtendienstliche Informationen über ihr Heimatland, sowie durch gezielte Sabotageakte in Norwegen, zu unterstützen. Für diese Aktivitäten pflegte die Linge-Kompanie enge Kontakte zur norwegischen Widerstandsbewegung Milorg.
Als erste Aktion in der sogenannten Operation Gunnerside, gegen die deutsche Übernahme des norwegischen Schwerwasser-Werkes, setzten die Einheit 1941 den ehemaligen Bauingenieur von Norsk-Hydro, Einar Skimmarland, der nach Großbritannien geflüchtet war, mit einem Fallschirm in der Region des Werkes ab. Skinnarland sollte die Einsatzzentrale mit aktuellen Informationen über die Bewachung und etwaige Bewegungen der Deutschen versorgen.
In einer zweiten Sabotage-Aktion am 18. Oktober 1942, der Operation Grouse, wurden vier weitere norwegische Widerstandskämpfer per Fallschirm auf der Hochfläche Hardangervidda abgesetzt. Die Hardangervidda ist ein Plateaufjell in Norwegen und die größte Hochebene Europas. Sie hat eine Fläche von zirka 8.000 km², im Mittel eine Höhe zwischen 1200 m und 1400 m und erstreckt sich über Bereiche der Fylke Buskerud im Nordosten, Hordaland im Westen und Telemark im Südosten. Die vier Norweger stellten die Vorhut für eine geplante Sprengung des Schwerwasser-Werkes dar. Die Gruppe um den Funker Knut Magne Haugland, der über gute Orts- und Fachkenntnisse verfügte, hatte als Treffpunkt eine Almhütte ausgewählt. Ihr Auftrag bestand darin, für die Landung von zwei Lastenseglern mit Spezialeinheiten, geeignete Landeplätze zu erkunden und die entsprechenden Informationen an die Briten weiterzugeben. Weiterhin sollten sie die Briten empfangen und zum Einsatzort führen. Die Gruppe landete jedoch nicht an der geplanten Position, sondern 15 km westlicher in sehr unwegsamen Gelände. Sie erreichte daher erst am 10. November ihr Ziel, die Sandvass-Hütte. In der Nacht des 19. November sollte die britische Spezialeinheit „Freshmann“, die für die Sprengung verantwortlich zeichnete, in zwei Lastenseglern Airspeed Horsa auf dem Hochplateau landen.
Die Operation wurde jedoch ein Fiasko: Wegen schlechter Sicht konnte der Einsatzort nicht erreicht werden. Nachdem sie zurückbeordert worden waren, mussten die beiden Schleppflugzeuge vom Typ Halifax die Gleiter wegen inzwischen aufgetretener Vereisung ausklinken. Nach Absturz einer Halifax und missglückter Notlandung der beiden Gleiter fanden insgesamt 41 Briten den Tod. 23 Teilnehmer der Operation überlebten zwar den Absturz, wurden aber gefangengenommen, „verhört“ und gemäß Hitlers Kommandobefehl hingerichtet. Die fehlgeschlagene Operation hatte zur Folge, dass die vier Norweger in der Hütte überwintern mussten. Erst Ende Februar 1943, also vier Monate nach Landung der Vorhut, trafen 6 Spezialisten der Kompanie Linge ein und gemeinsam konnte die Sprengaktion in Vermork durchgeführt werden. Die Aktion fand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1943 statt und alle zehn Beteiligten entkamen unerkannt.




Jedoch konnte die Sprengung nicht den geplanten und erhofften Schaden im Schwerwasser-Werk anrichten. Schon nach kurzer Zeit hatten die Deutschen die Schäden beseitigt und die Produktion wiederaufgenommen. Diese wenig erfolgreiche Geheimoperation wurde auch den Briten und Amerikaner schnell bekannt. Zunächst wurde eine weitere Sabotageaktion geplant, dann jedoch verworfen. Man hatte erkannt, dass die Bausubstanz des Werkes nicht mit Sprengladungen, die von Sabotage-Teams transportiert werden konnten, zu zerstören war. Daher wurde eine massive Bombardierung durch die US-Luftflotte ins Auge gefasst.
Am 16. November 1943 flogen mehr als 160 Flugzeuge der 8. US-Luftflotte den Angriff gegen das Werk in Vemork. Bei diesem Luftangriff wurden 20 Zivilisten getötet. Das strategische Ziel – die Zerstörung der Schwerwasser-Produktion – wurde jedoch wieder nicht erreicht. Die Produktionsanlage blieb fast unbeschädigt, weil die Bomben nicht in der Lage waren die darüber befindlichen 7 massiven Betonstockwerke zu zerstören.
Alle Operationen der Alliierten waren fehlgeschlagen und die Deutschen wollten nicht auf weiter Angriffe auf das Schwerwasser-Werk warten. Sie wollten nun das verfügbare Schwerwasser umgehend nach Deutschland transportieren und auch die gesamte Produktionsanlage. Das Vorhaben musste schnell, im Geheimen und ohne jedes Aufsehen ablaufen. Am 18. Februar 1944 wurde das verfügbare Schwerwasser mit der Rjukanbahn auf die Eisenbahnfähre Hydro verladen, die den See Tinnsjå passieren musste.
Dennoch blieben die Aktivitäten der Deutschen den Alliierten nicht verborgen. Sie hatten inzwischen überall, auch bei Norsk Hydro, Informanten. In der Nacht vor dem Auslaufen der Fähre übermittelten die Briten per Funk exakte Anweisungen an den norwegischen Widerstandskämpfer Knut Haukelid. Dieser platzierte vor dem Auslaufen Sprengladungen mit Zeitzünder auf der Fähre. Diese waren so eingestellt, dass sie an der tiefsten Stelle des Sees detonieren sollten und dort auch die Fährte untergehen sollte. Die Sabotage-Aktion gelang: Jedoch starben dabei 14 norwegische Zivilisten und vier begleitende Deutsche. Diese Verluste waren einkalkuliert.
Damit endete die Herstellung von schwerem Wasser in Norwegen. Im Frühjahr 1993 wurden die Fässer aus dem Tinnsjå geborgen. Nach der chemischen Analyse wurde nur noch ein Anteil von 2,5 % schwerem Wasser ermittelt, der Rest war „normales“ Wasser geworden. Das Norwegische Fernsehen drehte 1993 darüber die Dokumentation „Hydros hemmelighet“.
Demnächst mehr über das Uranprojekt der Nationalsozialisten.